EIN SPRITZER: Fahrbericht des Polo 2 mit 75PS 3F Motor aus GUTE FAHRT 12/89


Fahrbericht: Der neue Polo mit 75PS und geregeltem Kat

EIN SPRITZER

Klein aber fein: Der Top-Motor für Wolfsburgs Einstiegs-Modell mit 1,3 Liter Hubraum und Digifant Motor-Management


Das Motorenangebot beim kleinsten Volkswagen, dem speziell als wendigem Zweitwagen sehr beliebten Polo, ist seit Jahren klar gegliedert. Vier Benziner in drei Leistungsstufen stehen zur Wahl, dazu ein sparsamer Diesel mit 45 PS. Auch der kleinste Otto-Motor mit ungeregeltem Kat im Auspuff stellt diese Leistung zur Verfügung, für viele nicht ohne Grund die ideale Polo-Antriebsquelle. Soll's ein bißchen mehr sein, bietet sich ein 1,3 Liter-Triebwerk mit 55 PS an, hier gibt es die Wahl zwischen Vergaser und ungeregeltem Kat sowie Einspritzung und geregeltem Kat. Nach oben hin rundet schließlich für Leistungsorientierte das 75 PS-Modell das Polo-Angebot ab, zumindest so lange, bis der G40-Polo im Laufe des nächsten Jahres in Serie gehen wird (voraussichtlich im Herbst). Doch gerade das 75 PS-Modell war bislang ohne jedwede Abgasentgiftung einfach nicht mehr zeitgemäß, zudem als einziges Angebot in der gesamten VW-Palette noch nicht mit den Hydrostößeln ausgerüstet, die das Einstellen des Ventilspiels überflüssig machen. Herkömmliche Schlepphebel versahen hier ihren Dienst. Mit dem Modelljahr 1990 änderte sich dies allerdings nachhaltig. Ein neuer 1,3 Liter 75 PS-Motor steht ins Haus, ausgerüstet mit der feinsten Technik, die die Volkswagen-Motorenbauer zu bieten haben. Und natürlich abgasgereinigt nach dem bestmöglichen Konzept der US-Norm mit Katalysator und Lambda-Sonde.


Der wesentliche Unterschied zwischen Digijet und Digifant besteht darin, daß beim Digifant-System neben der Einspritzung auch noch die Zündung über ein Kennfeld elektronisch gesteuert wird. Nach wie vor kommt im 55 PS-Polo mit geregeltem Kat das Digijet-System zum Einsatz. Hier wird die Zündungsregelung von einer herkömmlichen elektronischen Anlage übernommen. So gesehen ist die Digifant-Einspritzsteuerung eine Weiterentwicklung der Digijet-Anlage, worauf die zuständigen Wolfsburger Motorenentwickler auch großen Wert legen. Völlig neu ist Digifant bei VW freilich nicht, seit rund zwei Jahren ist das System bereits im Kat-Golf GTI installiert, und auch der 95 PS-Wasserboxer im Bus ist damit ausgerüstet.

Doch neben der hochmodernen Motorsteuerung, die eine bessere Zylinderfüllung, ein optimales Leerlaufverhalten und ein spontanes, ruckfreies Ansprechen auf Gasbefehle garantieren soll, wurde der neue 75 PS-Polo-Motor auch noch in wesentlichen anderen Punkten überarbeitet. Werksintern läuft er ja schließlich nun unter dem neuen Kürzel 111, jene Motorbaureihe der kleinen VW-Triebwerke, die die alte 801 er Serie ersetzt. Ein wesentliches Merkmal der neuen Motoren ist dabei die Verwendung des hydraulischen Ventilspielausgleichs.

Zylinderblock und Kurbelwelle des neuen 1,3 Liter-Triebwerks konnten weitgehend unverändert vom alten 75 PS-Vergasermotor übernommen werden. Im Zylinderkopf findet man eine neu abgestimmte Nockenwelle sowie größere Ein- und Auslaßventile. Neue Kolben sowie eine andere Brennraumgestaltung runden die Motormaßnahmen ab. Zu erwähnen ist allerdings noch die Verdichtung von 10:1, die eine Verwendung von bleifreiem Super mit 95 Oktan möglich macht. Der alte 75 PS-Polo benötigte aufgrund seiner 11:1-Verdichtung dagegen noch Kraftstoff mit 98 Oktan.


Trotzdem ist die Spitzenleistung von 75 PS gegenüber früher identisch geblieben, die jetzt bei 5900/min erreicht wird. Der alte Motor kam auf seine Höchstleistung bei 5800/min. Ein ähnliches Bild auch beim Drehmoment: 99 Nm des Einspritzers stehen 104 Nm des Vergaser-Triebwerks gegenüber, beidesmal erreicht bei 3600/min.

Von den Papierdaten her müßte also der Neuling mit Kat wohl ähnliche Fahrleistungen erreichen wie sein Vorgänger. Von Null auf 100 nennt das Werk für das Polo Coupé 11,7 Sekunden, als Höchstgeschwindigkeit 170 km/h. Mit der alten Maschine lagen die Werte bei 11,9 Sekunden für die Beschleunigung sowie ebenfalls 170 km/h für die Spitze.

Wer den alten 75 PS Vergaser-Polo kennt, weiß, daß das kleine, agile Triebwerk seine Leistung aus der Drehzahl schöpfte. War im Bereich unter 3500/min recht wenig los, so kam der 1,3 Liter ab 5000/min erst so recht zur Sache. Drehfreude und damit für sportlich Orientierte der entsprechende Fahrspaß, das waren die Punkte, die 75 PS Polo-Fahren ausmachten. Daß andererseits das Fahrverhalten im Stop-and-go-Verkehr zuweilen recht ruckelig und die Geräuschkulisse kernig war, sei nicht verschwiegen. Nun, im neuen 75 PS-Polo überrascht zunächst der wesentlich ruhigere Motorlauf. Spontan startet das kleine Triebwerk, ein tadelloser Leerlauf sowie ein ruckfreies Fahrverhalten selbst im hohen Gang bei niederen Drehzahlen sind wohl das Verdienst der neuen Motorsteuerung über die aufwendige Elektronik, die alle denkbaren Motorzustände erkennt und sofort darauf reagiert. Bereits im mittleren Drehzahlbereich steht deutlich mehr Kraft zur Verfügung als früher, recht schaltfaul läßt es sich jetzt fahren. Doch diese Auslegung, die voll im Trend der heutigen VWMotoren liegt, nimmt dem 75 PS-Motor dann im oberen Drehzahlbereich über 5000/min seine spontane Drehfreude. Ziemlich zäh bewegt sich jetzt der Drehzahlmesser weiter, der sportliche Biß ist weitgehend dahin. Sicher, wesentlich laufruhiger als früher benimmt sich der 1,3 Liter auch in diesem Bereich, doch Liebhaber des alten 75 PS-Polos könnten enttäuscht sein. Wenngleich wohl die unbestechlichen Leistungsmeßwerte dem Neuen gar geringe Vorteile einräumen. Ein GUTE FAHRT-Test wird da wohl endgültige Klarheit bringen müssen.

Dies betrifft auch den Kraftstoffverbrauch, im Drittel-Mix nennt das Werk 7,2 Liter Bleifrei Super. Also doch einen knappen halben Liter mehr als beim Vorgänger. Ansonsten ist der Polo in seiner Coupe-Ausgabe ein alter und nach wie vor beliebter Bekannter, was auch seine Gunst bei den Käufern bestätigt. Im Laufe der Jahre ist der kleinste VW derart ausgereift, daß er in Sachen Verarbeitung keine Konkurrenz zu fürchten hat. Klappergeräusche sind ihm weitgehend fremd, und der Innenraum macht einen wohnlichen Eindruck. Das Fahrwerk gibt sich zwar straff abgestimmt, aber dennoch nicht ohne Komfort. Selbst Anfänger kommen mit der Paarung aus neuem 75 PS-Motor und der Polo-Fahrwerksauslegung gut zurecht. Leicht untersteuernd nimmt er Kurven jedweder Art, Lastwechselreaktionen sind so gut wie keine feststellbar.
Als CL- oder GT-Ausstattung gibt es den Polo mit 75 PS, und auch zwischen praktischem Steilheck oder schickem Coupé kann man wählen.

Serienmäßig offeriert werden beim Polo Modell '90 zusätzliche Ausstattungsdetails ohne Mehrpreis wie etwa den zweiten Außenspiegel, für den GT gar von innen einstellbar, Türablagekästen, Uhr und Tageskilometerzähler beim CL sowie Scheibenwischer-Intervallschaltung und, endlich, einen Bremskraftverstärker bereits für den 45 PS-Einstiegsmotor. Diesen gibt es übrigens momentan noch mit ungeregeltem Euro-Kat, ein Monojet-Einspritzer mit 45 PS und geregeltem Kat befindet sich jedoch in den Startlöchern und soll zum Frühjahr erhältlich sein.

Mit 20015 Mark steht der neue 75 PS-Polo als CL-Coupe in der Liste, die GT-Variante kommt auf satte 20875 Mark. VW läßt sich den Sprung vom Vergaser auf die Einspritzung samt Kat somit kräftig honorieren. Im Modelljahr 89 kostete nämlich der alte 75 PS-Polo ohne Kat, der jetzt wegfällt, 2220 Mark weniger. Nun, es bleibt abzuwarten, ob der Kunde PoloEinstandspreise jenseits von 20000 Mark akzeptiert. Zumal ein Golf CL, ebenfalls mit Fünfgang-Getriebe ausgestattet und als 70 PS US-Kat-Version vergleichbar motorisiert, bereits für 19850 Mark zu haben ist. Doch der Polo mit kräftigen 75 PS hatte schon immer seine Liebhaber, die wohl einen "großen" Golf als Alternative niemals akzeptieren würden.


Bernd Weiser